Ich bin Amelie Reigl (31), Biologin, baldige Gründerin von TigerShark Science einem Biotech-Start-up bei dem wir menschliche Haut züchten, um Tierversuche zu reduzieren und betreibe in den Sozialen Medien Wissenschaftskommunikation als @dieWissenschaftlerin. Meine Motivation ist es, Wissenschaft sichtbar zu machen.
Mein Interesse für Naturwissenschaften entstand nicht durch einen konkreten Berufswunsch, sondern durch Neugier. Warum teilen sich Zellen, warum heilt Haut, warum reagiert der Körper unterschiedlich? Mich hat fasziniert, dass Biologie uns diese Antworten liefern kann und zwar in einem System aus Zusammenhängen.

Der Weg in die Biologie
Nach dem Biologiestudium (Bachelor und Master) in Würzburg habe ich meine Promotion ebenfalls an der Universität Würzburg am Lehrstuhl für Tissue Engineering und Regenerative Medizin durchgeführt. Dort spezialisierte ich mich auf die Entwicklung komplexer humaner in vitro Hautmodelle. Diese Modelle bilden menschliche Haut realitätsnah im Labor ab und tragen dazu bei, präzisere Testsysteme zu entwickeln und Tierversuche zu reduzieren. Parallel habe ich beim Fraunhofer ISC in Würzburg als Projektleitung gearbeitet und die Idee für das Start-up entwickelt.
Wissenschaftliche Ausbildung bedeutet nicht nur Fachwissen. Sie schult strukturiertes Denken, kritisches Hinterfragen und Ausdauer. Forschung ist selten geradlinig. Hypothesen scheitern, Experimente müssen angepasst werden, Ergebnisse werden neu bewertet. Genau diese Prozesse formen wissenschaftliche Kompetenz.
Man braucht also viel Geduld, was manchmal etwas schwierig ist, wenn man so neugierig ist. Aber das Warten und Durchhalten lohnt sich meistens immer.
Alltag zwischen Labor und Analyse

Ein typischer Arbeitstag in der Forschung ist eine Mischung aus Laborarbeit, Datenauswertung, Literaturrecherche und Teamdiskussionen. Experimente werden geplant, Daten ausgewertet und Ergebnisse kritisch hinterfragt. Forschung ist analytisch und gleichzeitig kreativ, gerade bei den Versuchsplanungen. Der besondere Moment entsteht dann, wenn aus einzelnen Datenpunkten ein belastbares Gesamtbild wird. Gerade in meinem Bereich arbeite ich viel in der Zellkultur, das bedeutet ich arbeite mit menschlichen Zellen und baue daraus Hautmodelle, um Experimente durchzuführen.
Dies bedeutet auch, dass ich viel an der Sterilwerkbank sitze, um die Modelle zu versorgen. Denn diese sind lebendig und benötigen genauso Nährstoffe, als Essen, wie wir Menschen.
Deshalb macht mir mein Beruf aber auch so viel Spaß, denn ich bin nicht nur im Büro sondern auch im Labor und ab und zu auf Konferenzen, um meine Ergebnisse vorzustellen und mich mit anderen Forschenden auszutauschen.
Mehr Wege als viele denken
Die beruflichen Perspektiven für Biologinnen gehen weit über klassische Forschung und Lehre hinaus. Tätigkeitsfelder finden sich in der Pharmaindustrie, der Biotechnologie, im Qualitätsmanagement, in Regulatory Affairs, in der Produktentwicklung, im Venture Capital, in der Wissenschaftskommunikation oder in technologieorientierten Start-ups.
Ein naturwissenschaftliches Studium ist kein enger Pfad, sondern eine Plattform. Wer analytisch denkt und komplexe Zusammenhänge verstehen möchte, eröffnet sich vielfältige Optionen. Wer zwischen Ausbildung und Studium schwankt, sollte ehrlich prüfen, welche Arbeitsweise besser passt.
Praxisorientiertes Arbeiten kann ebenso erfüllend sein wie strategisches und langfristiges Gestalten. Vor allem auch die Frage: Will ich ein Forschungsteam führen? Dann wäre ein Studium sinnvoll oder möchte ich lieber im Team mit anderen praktisch Arbeiten? Dann wäre eine Ausbildung spannend.

Wissenschaft sichtbar machen
Parallel zu meiner Forschung habe ich vor über sechs Jahren @dieWissenschaftlerin gegründet. Als Selbstständige vermittle ich wissenschaftliche Inhalte verständlich und transparent und nehme über 400.000 Menschen mit in meinen Alltag. Mir ist wichtig zu zeigen, dass Wissenschaft kein abstraktes System ist, sondern unsere Gesellschaft prägt und beeinflusst. Wissenschaft ist überall und ich möchte sie sichtbar machen, für alle und verständlich.
Von der Forschung zur Gründung
Zusammen mit meinem Team entstand TigerShark Science. Unser Ziel ist es, humane Hautmodelle zu entwickeln, um präzisere Testsysteme für Pharma und Kosmetik bereitzustellen und Tierversuche zu reduzieren.

Die technologische Basis wurde im Fraunhofer AHEAD Programm mit 150.000 Euro gefördert. Im Rahmen des EXIST Forschungstransfers des Bundesministeriums für Forschung konnten wir zusätzlich über eine Million Euro einwerben. Mehrere Start-up Preise folgten. Mit Pilotkunden arbeiten wir bereits an konkreten Anwendungen.
Die nächste Phase ist die Skalierung. Dazu führen wir seit Monaten Gespräche mit Investoren. Dieser Prozess ist intensiver. Ein Start-up benötigt Geschwindigkeit, wissenschaftliche Innovation jedoch auch Validierung und Substanz.
Die Balance zwischen wissenschaftlicher Exzellenz und wirtschaftlichem Erfolg finde ich sehr spannend.
Warum Frauen in MINT wichtig sind

Noch immer sind viele präklinische Systeme männlich geprägt. Weibliche Biologie wird nicht immer systematisch berücksichtigt. Mehr Frauen in MINT bedeutet daher nicht nur mehr Repräsentation, sondern bessere wissenschaftliche Fragestellungen und robustere Forschungsergebnisse.
Generell sind diverse Teams gerade für die Forschung extrem wichtig. Umso mehr unterschiedliche Fragen gestellt werden, umso mehr beleuchtet man die Hypothese aus unterschiedlichen Perspektiven und kommt effektiver zum Erfolg.
Ein persönlicher Rat
Man muss nicht perfekt sein, um Naturwissenschaften zu studieren. Man muss nicht alle Antworten kennen. Und Selbstzweifel gehören auch bei mir dazu. Entscheidend ist die Bereitschaft, Fragen zu stellen und Zusammenhänge verstehen zu wollen.
Neugier ist eine der wichtigsten Kompetenzen für eine Wissenschaftlerin. Und Wissenschaft braucht Menschen, die sie sichtbar machen. Also bleib neugierig!




