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Karriere in MINT

Innovation kann Märkte verändern: Prozesse effizienter machen oder gesellschaftliche Probleme lösen

Fotos: Sophia Tran

Als eine der wenigen Frauen im Elektrotechnikstudium lernte Unternehmerin Sophia Tran, sich Raum zu nehmen. Heute setzt sie sich genau dafür ein, dass andere ihn gar nicht erst erkämpfen müssen.

Sophia Tran

Moderatorin, Gründerin & CEO von Spotlight! und Spotlight! Ventures

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Woher und wann kam dein Interesse für Technik?

Technik wurde mir tatsächlich in die Wiege gelegt. Mein Vater ist Ingenieur, und als Einzelkind durfte ich früh erleben, wie spannend es ist, Probleme strukturiert zu analysieren und Lösungen zu entwickeln. Gleichzeitig sind meine Eltern aus dem Krieg geflohen, wir hatten finanziell wenig. Vieles, was andere vielleicht einfach kaufen konnten, habe ich mir selbst gebaut oder repariert. Ich habe Dinge auseinandergenommen, neu zusammengesetzt, ausprobiert und improvisiert. Aus Mangel wurde Kreativität – und aus Kreativität wurde technisches Denken.

Rückblickend war es weniger ein einzelner Schlüsselmoment als eine Haltung: keine Angst vor Komplexität zu haben. Technik bedeutete für mich nie nur Formeln oder Schaltkreise, sondern die Fähigkeit, Systeme zu verstehen und aktiv zu gestalten.

Wie hat sich dein Ausbildungsweg im technischen Bereich gestaltet?

Ich habe Elektrotechnik studiert und zusätzlich Betriebswirtschaftslehre, weil ich Technik immer auch im Kontext von Wirtschaft und Wirkung denken wollte. Innovation entfaltet erst dann ihr volles Potenzial, wenn sie strategisch eingebettet wird.

Im Elektrotechnikstudium war ich eine von wenigen Frauen. Die Hürden waren selten offen oder konfrontativ, aber sie waren spürbar: geringere Erwartungen, stereotype Zuschreibungen, das Gefühl, sich stärker beweisen zu müssen. Strukturelle Barrieren sind oft subtil. Sie zeigen sich in fehlenden Vorbildern, in kulturellen Narrativen darüber, wer „typischerweise“ technisch ist, oder in der Selbstverständlichkeit, mit der technische Kompetenz Männern eher zugeschrieben wird.

Genau deshalb ist Sichtbarkeit so entscheidend. Wenn junge Frauen niemanden sehen, der ihnen ähnelt, wirkt ein Weg automatisch weniger erreichbar.

Was macht dir am meisten Spaß an der Technologie – und welchen Tipp würdest Du anderen mitgeben?

Mich begeistert an Technologie ihre Hebelwirkung. Eine gute technische Lösung kann Millionen Menschen erreichen, Prozesse effizienter machen oder gesellschaftliche Probleme nachhaltig adressieren. Technologie bestimmt, wie wir arbeiten, wie wir kommunizieren, wie wir Sicherheit organisieren und wie resilient unsere Wirtschaft ist. Sie ist nicht neutral – sie gestaltet Realität.

Mein Rat an junge Frauen ist deshalb klar: Wartet nicht darauf, euch vollständig vorbereitet zu fühlen. Niemand fühlt sich am Anfang bereit. Kompetenz entsteht durch Anwendung, nicht durch Perfektion. Technik ist kein exklusiver Raum für wenige Auserwählte. Sie braucht unterschiedliche Perspektiven, kreative Denkweisen und den Mut, Fragen zu stellen. Gerade Frauen bringen oft interdisziplinäres Denken, Teamorientierung und gesellschaftliche Sensibilität mit – Fähigkeiten, die in der Technologieentwicklung entscheidend sind.

Du arbeitest heute nicht klassisch als Ingenieurin. Welche vielfältigen Karrierewege stehen Ingenieurinnen offen?

Ein technisches Studium ist kein enger Berufsweg, sondern ein strategisches Fundament. Nach Stationen in unterschiedlichen Unternehmen und der Beratung von Startups habe ich selbst gegründet: Spotlight!. Mein Ziel ist es, mehr Diversität in der Arbeitswelt – insbesondere in Technologie und Innovation – strukturell zu stärken. Für mich ist das eine konsequente Weiterentwicklung meines technischen Hintergrunds. Denn wer Systeme versteht, erkennt auch, wie sehr Innovation von Perspektivenvielfalt abhängt.

Ingenieurinnen arbeiten heute nicht nur in Forschung oder Entwicklung. Sie gründen Unternehmen, investieren in Zukunftstechnologien, gestalten Produktstrategien, arbeiten im Venture Capital oder prägen politische Rahmenbedingungen. Gerade die Kombination aus technischem Verständnis und wirtschaftlichem Denken eröffnet enorme Spielräume. Wer Technologie versteht, kann nicht nur Produkte entwickeln, sondern strategische Entscheidungen auf Augenhöhe treffen und Verantwortung übernehmen.

Welche technischen Bereiche haben aus deiner Sicht das größte Zukunftspotenzial für junge Ingenieurinnen?

Besonders großes Potenzial sehe ich in Künstlicher Intelligenz, Climate Tech, Cybersecurity und Defense Tech. Künstliche Intelligenz verändert bereits heute Geschäftsmodelle und gesellschaftliche Prozesse. Climate Tech wird entscheidend sein, um nachhaltiges Wirtschaften zu ermöglichen. Cybersecurity und Defense Tech gewinnen angesichts geopolitischer Unsicherheiten und digitaler Bedrohungen massiv an Bedeutung. Technologische Souveränität und Resilienz sind keine abstrakten Konzepte mehr, sondern zentrale Zukunftsfragen.

Dabei geht es jedoch nicht nur um technische Exzellenz, sondern auch um Verantwortung. Technologien formen unsere Gesellschaft. Wenn Frauen in Schlüsseltechnologien fehlen, fehlen ihre Perspektiven – und damit Innovationskraft. Diversität ist kein reines Gleichstellungsthema, sondern ein Wettbewerbsfaktor.

Die Tech-Branche ist kein Männerraum. Sie ist ein Zukunftsraum. Und ich wünsche mir, dass mehr junge Frauen den Mut haben, ihn selbstverständlich für sich zu beanspruchen – nicht, um Erwartungen zu erfüllen, sondern um selbst zu gestalten.

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