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THE FUTURE OF WORK

Future Skills statt Auswendiglernen: Vier Thesen für ein zukunftsfestes Deutschland

Großes Foto: Shutterstock, 2784049785 | Kleines Portraitfoto: Besim Mazhiqi / Bertelsmann Stiftung

Brigitte Mohn

Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung

Digitale Transformation und generative KI verändern die Logik der Wissensvermittlung. Bildung muss deshalb mehr leisten als Stoff weiterzugeben: Menschen sollen Zukunft gestalten statt Wandel verwalten. Fachwissen und Basiskompetenzen bleiben unverzichtbar; nur so lassen sich KI-Ergebnisse prüfen und verantworten. Zugleich müssen Curricula die 4K – Kommunikation, Kollaboration, Kreativität und kritisches Denken – mit Daten-, Medien- und KI-Kompetenz verbinden. Bildungspolitik muss Grundlagen sichern und Schule für eine Welt neu ausrichten, in der Wissen mit intelligenten Systemen erzeugt und genutzt wird.

1. Chancengerechtigkeit beginnt vor der Schule

Soziale Unterschiede entstehen früh und verfestigen sich im Bildungsweg. PISA 2022 zeigt: In Deutschland trennten sozial begünstigte und benachteiligte Jugendliche in Mathematik 111 Punkte, im OECD-Mittel 93. Digitale Angebote und KI können Förderung individualisieren, ohne ausreichende Sprach-, Lese- und Medienkompetenz aber Ungleichheit verschärfen.

Die Konsequenz: Bildungspolitik muss zugleich Armuts- und Sozialpolitik sein. Familien brauchen finanzielle Sicherheit, frühe Hilfen und Zugang zu hochwertigen Kitas, die sprachliche, mathematische, soziale und emotionale Fähigkeiten fördern. Entscheidend sind pädagogische Qualität sowie ein digitaler Zugang, der nicht vom Elternhaus abhängt.

2. Curricula für die KI-Gesellschaft neu bauen

PISA 2022 brachte Deutschland in allen drei Fächern die bislang niedrigsten Werte. In Mathematik und Lesen lag es nahe am OECD-Durchschnitt, aber deutlich hinter der Spitzengruppe: Mindestens Kompetenzstufe 2 in Mathematik erreichten hier 70 Prozent, in Estland 85 und in Japan 88 Prozent. ICILS 2023 verschärft das Bild: Mehr als 40 Prozent der deutschen Achtklässler verfügen nur über sehr geringe digitale Kompetenzen; der Mittelwert sank seit 2013 von 523 auf 502 Punkte. Korea, Tschechien, Dänemark und Taiwan liegen an der Spitze.

Die Konsequenz: Lehrpläne müssen in allen Fächern drei Ebenen verbinden: solides Fachwissen und eigenständiges Denken ohne KI; reflektierte KI-Nutzung mit Quellenprüfung, Datenverständnis, Datenschutz und Wissen über Verzerrungen; Transfer in Projekte, Teamarbeit und reale Probleme. Schülerinnen und Schüler sollen Lernprozesse reflektieren, mitgestalten und als Co-Gestalter Verantwortung übernehmen.

3. Prüfungen und Weiterbildung müssen sich verändern

Eine randomisierte Studie mit fast 1.000 Jugendlichen in der Türkei zeigt das Dilemma: Ein KI-Chatbot ohne Leitplanken verbesserte die Leistung bei Übungsaufgaben um 48 Prozent. Ohne KI schnitten dieselben Jugendlichen anschließend 17 Prozent schlechter ab als die Kontrollgruppe. Ein Tutor mit Hinweisen statt Lösungen vermied diesen Lernverlust weitgehend.

Die Konsequenz: Prüfungen müssen Denken und Eigenleistung sichtbar machen – durch mündliche Verteidigung, dokumentierte Arbeitsprozesse, Transferaufgaben, Projekte und transparente KI-Nutzung. Lehrkräfte brauchen Fortbildung, geprüfte Werkzeuge und Entwicklungszeit. Auch Hochschulen und Unternehmen müssen Lernen im Alltag verankern: Eine Analyse von 47 Millionen Stellenanzeigen zeigt, dass vier von fünf Jobs Selbstmanagement und drei von vier soziale Kompetenzen verlangen. Modulare Teilqualifikationen bieten eine Brücke; mehr als 80 Prozent der Unternehmen würden sie akzeptieren.

4. Jetzt gemeinsam handeln

Lehrpläne mit jahrelangen Reformzyklen passen nicht zu Technologien, die sich in Monaten verändern. Bund, Länder, Wissenschaft, Schulen, Zivilgesellschaft und Wirtschaft müssen Lernziele aktualisieren, Anwendungen prüfen und Standards für Datenschutz, Transparenz und Chancengerechtigkeit setzen.

Die Frage ist nicht, ob KI in die Bildung kommt – sie ist längst da. Entscheidend ist, ob Deutschland sie pädagogisch gestaltet oder den nächsten Generationen eine unregulierte Parallelwelt des Lernens überlässt. Wer Basiskompetenzen, Future Skills, KI-Mündigkeit und lebenslanges Lernen verbindet, stärkt Innovationskraft, Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe.

Infos zur Autorin:

Brigitte Mohn ist seit August 2025 Vorstandsvorsitzende der Bertelsmann Stiftung, dem Vorstand gehört sie seit 2005 an.

Von 2001 bis 2005 übernahm sie die Vorstandsfunktion in der Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe, der sie seit dem Vorstandswechsel zu Michael Brinkmeier immer noch als Kuratoriumsvorsitzende angehört.

Nach einem Studium der Politik, Kunstgeschichte und Germanistik promovierte sie 1993 an der Universität Witten-Herdecke und absolvierte 2001 ein MBA-Studium an der WHU Koblenz und am Kellogg Institute in den USA. Berufliche Stationen führten sie unter anderem zum Institut für Weltwirtschaft in Kiel, zu McKinsey Deutschland, den Bertelsmann Buchclubs in Kanada und dem Bantam Doubleday Dell Buchverlag in New York. Zudem arbeitete sie bei Pixelpark in der Schweiz. Sie vertritt als eines von 6 Geschwistern die sechste Generation der Familie Mohn.

Quellen u.a.:

The international launch of the Programme for International Student Assessment (PISA) 2025 report

OECD Digital Education Outlook 2026 | OECD

Education GPS – Germany – Student performance (PISA 2022)

Student Achievement in Computer and Information Literacy and Computational Thinking | Springer Nature Link

OECD Digital Education Outlook 2026 | OECDGenerative AI Without Guardrails Can Harm Learning: Evidence from High School Mathematics by Hamsa Bastani, Osbert Bastani, Alp Sungu, Haosen Ge, Özge Kabakcı, Rei Mariman :: SSRN

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