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THE FUTURE OF WORK

Hat das alles einen Zweck?

Foto: Kienbaum

Die Frage nach dem Wofür stellen sich immer mehr Organisationen. Der sogenannte Purpose ist seit einiger Zeit in aller Munde. Warum dieser besonders jetzt wichtiger ist denn je und was der Unternehmenszweck mit der Arbeitswelt von Morgen gemein hat, erklärt Fabian Kienbaum im Interview.

Was hat Purpose mit Führung zu tun? Welche Relevanz hat es für neue Talente? Wo unterscheiden sich Purpose, Mission und Vision?

Purpose –  was heißt das eigentlich genau und warum ist das so wichtig?

Purpose ist nicht neu, das gibt es schon seit Jahrzehnten. Doch es ist so immens wichtig, weil es die Frage des „Wofür – also für wen oder was machen wir unsere Arbeit eigentlich?“ beantwortet. Und das ist hochspannend. Für Organisationen bedeutet das, über den ökonomischen Nutzen der Gewinnmaximierung hinauszudenken. In der Welt, in der wir gerade leben, hat sich das Bewusstsein dahingehend verändert, dass viel mehr Menschen diese Frage auch in Bezug auf Unternehmen stellen: Wie begreifen wir unsere soziale, moralische und auch ökologische Verantwortung?

Sie haben in diesem Jahr die Studie „Purpose. Die große Unbekannte.“ veröffentlicht.  Und dafür 1300 Fach- und Führungskräfte in Deutschland befragt. Bitte gehen Sie kurz darauf ein.

Mehr als die Hälfte der Teilnehmenden (56 Prozent) gibt an, dass vor allem die Geschäftsführung für die Umsetzung und Kommunikation des Unternehmens-Purpose verantwortlich ist. Ein weiteres Ergebnis der Studie ist, dass rund sechs von zehn Umfrageteilnehmerinnen und -teilnehmern (59 Prozent) den Zweck des eigenen Unternehmens nicht ad hoc benennen können. Andererseits bemerken drei Viertel der Befragten (75 Prozent), die den Purpose kennen, dass sich ein gelebter Purpose positiv auf die Zufriedenheit der Fach- und Führungskräfte auswirkt.

Diese Wucht der Ergebnisse in Bezug auf Purpose hat mich sehr überrascht und zeigt deutlich, dass es wichtig ist, emotionale genau wie sinnhafte Anker im Unternehmen zu setzen – das ist es, was die Welt gerade mehr denn je braucht.

Wie schafft man als Unternehmen eine moderne Organisation, in der sich Mitarbeiter am besten entfalten können?

Ganz wichtig: Purpose darf keine Mode- oder Marketingentscheidung sein. Bei Start-ups z.B. wird das meist von Anfang an gelebt: kleine Teams, die eng zusammenarbeiten, die sich dem Unternehmensziel mit maximaler Energie verschreiben.

Und wie sieht es bei KMUs aus, die schon seit Jahrzehnten die gleiche Linie fahren, vielleicht auch eingefahren sind in ihren Strukturen?

Genau hier liegt die Aufgabe in der Auseinandersetzung mit Purpose. In vielen Unternehmen ist im Laufe der Zeit etwas verloren gegangen. Es herrscht eine hohe Anonymität, es zählt häufig nur die Effizienzorientierung und eine Art von militärischem Arbeitsverständnis ist in den Vordergrund gerückt. Dies führt zu Unzufriedenheit bei den Mitarbeitenden und zu hohen Fluktuationszahlen. Das umzukehren ist die Kunst.

Derzeit durchlaufen wir gerade eine weltweite Krise und viele Unternehmen sagen, dass Purpose eine eher untergeordnete Rolle spielt. Da muss ich widersprechen: Denn gerade jetzt muss diese Frage umso mehr beantwortet werden, also ist jetzt die perfekte Zeit, sich auf den Unternehmenszweck zu fokussieren. Ich will niemanden missionieren. Das muss jedes Unternehmen für sich selbst entscheiden, aber wenn man sich mit Purpose beschäftigt, sollte man ihn mit einer Strategie koppeln und versuchen, den vorhandenen Purpose freizulegen. Er kann neue Energie und neuen Fokus wecken.

Was gilt es bei dem Transformationsprozess zu beachten?

Man muss mit Muße und Aufrichtigkeit in sich hineinhören und sich auf diesen Pfad begeben. Folgende Fragen müssen sich Unternehmer stellen: Was ist unser Unternehmenszweck und was sind unsere motivatorischen Triebfedern? Dann gilt es, diese Erkenntnis mit Überzeugung und Aufrichtigkeit ins Unternehmen hineinzutragen und damit eine Übersetzung in die tägliche Arbeit zu erreichen. Das Thema Menschlichkeit spielt dabei die größte Rolle.  – Sie wird immer relevanter, weil vor diesem Hintergrund die Frage von Zukunftsfähigkeit und Daseinsberechtigung im gesellschaftlichen Kontext noch einmal neu bewertet wird. Um das umzusetzen, braucht es einen Aufbruch, ein Momentum. Dieser kann beispielsweise auch mit einem Umzug, einem Tapetenwechsel vollzogen werden – als ersten Schritt in eine moderne Unternehmenszukunft.

Ein Unternehmen, das seinen Purpose-Prozess par excellence vollzogen hat, ist Douglas. Das Unternehmen hat viel gemacht und befindet sich derzeit in einer sehr tiefgreifenden Transformation. Sie haben sich dem Thema Purpose angenommen und es auch publikumswirksam im gesamten Unternehmen aufgerollt. Sie haben sich gefragt, wo sie herkommen, was sie haben und wohin sie wollen. Daraufhin haben sie ein Destillat gebildet.

Kommen wir zum Thema Mitarbeitermotivation. Welche Incentives geben wirklichen Antrieb im Jahr 2021?

Die große Kunst, gerade in der hybriden Arbeitswelt, ist es, dass Führungskräfte die Muße und Zeit aufbringen, in die tiefe Beziehung zu ihren Mitarbeitenden zu investieren. Das suggeriert: Ich fühle mich gesehen, ich fühle mit wertgeschätzt und ich habe die Möglichkeit, mich zu entwickeln. Das kommt leider oft zu kurz. Der zweite Punkt, der besonders jungen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sehr wichtig ist, sind die sozialen Aspekte wie Firmenevents. Und dann kommt schon das Thema Gesundheitsmaßnahmen. Also, was macht der Arbeitgeber für das Well-Being der Mitarbeitenden? Hier ist ein sehr bedeutendes Thema die Flexibilität von Arbeitszeit und Arbeitsort. Das ist für Wissensarbeiterinnen und -arbeiter extrem wichtig. Ältere Angestellte hingegen fühlen sich durch klassische Incentives wie Firmenwagen und ausstattungsorientierte Dinge wie Handy, Laptop, etc. motiviert. Hier findet ein Generationswechsel statt. Was jedoch allen Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern, unabhängig vom Alter, am wichtigsten ist, ist die Wertschätzung und die Frage des Wofür. Und hier kommt wieder der Purpose ins Spiel: Wenn ich weiß, für wen ich arbeite und was die Philosophie dahinter ist, gebe ich alles und bin zufrieden. Was sich schlussendlich auf den Erfolg der Firma auswirkt.

Welchen Stellenwert hat ein Gesundheitsmanagement für den Unternehmenserfolg?

Einen noch völlig unterrepräsentierten. Ich habe gerade einen Artikel gelesen, dass sich im Home Office noch weniger bewegt wird als im Büro. Wahrscheinlich sind die Wege zur Kaffeemaschine kürzer und man trifft sich auch nicht mehr am Drucker. Unternehmen müssen, für die Corona-Phase – aber auch darüber hinaus – umdenken. Neben Obstkorb und Sportangeboten braucht es noch einmal eine tiefergehende Reflexion. Wenn wir zukünftig tatsächlich in der Lage sind, hybrid zu arbeiten, sollte das Zusammenkommen nicht vergessen werden. Hier bieten sich gemeinsame Sportaktivitäten wunderbar an, um einen Mehrwert des sozialen Austauschs zu bieten. Aber auch Ernährung spielt eine Rolle. Da sollte man überlegen, was möglich ist. Einige Organisationen schicken in dieser schwierigen Zeit beispielsweise Care-Pakete zu ihren Mitarbeitenden nach Hause. Hier werden Wertschätzung und Well-Being auf eine wunderbare Weise vereint. Manchmal machen auch schon kleine Maßnahmen große Unterschiede. Ich kann jedem Unternehmen nur ans Herz legen, mehr die Menschen zu sehen als den Profit. Denn sind die Mitarbeitenden zufrieden, stellt sich dieser meist von ganz allein ein.

Sie möchten mehr über die wertvolle Arbeit von Fabian Kienbaum erfahren?

Weitere Informationen finden Sie unter www.kienbaum.com

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War for Talents – Was von 2020 bleibt und wo es uns hinführt

Anna Ott

VP People bei HV Capital

Lucia hatte schon lange davon geträumt, ihre norditalienische Heimat zu verlassen, um Teil der vibrierenden Start-up-Szene Berlins zu werden. Sergej’s Familie in Kiev war stolz, dass ihr Sohn als Softwareentwickler richtig gutes Geld verdiente. Joanna war überglücklich ihren Berufseinstieg in einer jungen, aufstrebenden Tech Company zu finden.

Doch dieses Jahr waren alle irgendwie ernüchtert. Heimweh, Sorge um die Familie in der Ferne, genervt von der viel zu kleinen WG voller Fremder, alleine in der großen Stadt und nicht wissend, ob man Weihnachten nach Hause kommt. Den Traum der Start-up-Karriere haben sich viele junge Menschen in diesem Jahr anders vorgestellt. Unter den KollegInnen neue Freunde finden, eine neue Stadt oder Land für sich entdecken und dabei die Karriere vorantreiben, war alles so viel schwieriger in diesem Jahr.

Nicht selten haben wir in 2020 die jungen Leute für’s Partymachen trotz Corona und Leichtsinnigkeit kritisiert. Darum beneidet, dass sie nicht Homeschooling und Job kombinieren müssen. Und dabei übersehen, dass die Pandemie Parität geschaffen hat und jede und jeder unter Isolation leidet. Ich persönlich hätte die Quarantäne in keiner meiner WGs gerne erlebt. Bin bedrückt, wenn ich höre, dass MitarbeiterInnen aus Platzgründen in Badezimmern an Videocalls teilnehmen. Kann nur ahnen, wie schwierig es ist, als junge Führungskraft die ersten Schritte als Manager in Krisenzeiten virtuell zu erproben. Vom Heimweh nach FreundInnen und Familie im kalten deutschen Winter mal abgesehen.

Dieses Jahr steckt uns allen in den Knochen. Und gerade deswegen haben einige Personalverantwortliche und Führungskräfte in diesem Jahr mehr als zuvor, ihre Verantwortung als Arbeitgeber neu wahrgenommen. Aus dem Stehgreif entstanden virtuelle Yoga-Sessions und Spieleabende, wurden Überraschungspakete mit Wintermützen und Vitaminen gepackt, und Verabredungen zum Spazierengehen getroffen. Wurde über Angebote für “Mental Health” diskutiert und MitarbeiterInnen großzügige Angebote für ortsunabhängiges Arbeiten gemacht.

Wir sind uns alle näher gekommen in diesem Jahr. Nicht nur, weil wir dank Videokonferenzen Einblick in Privaträume und Blicke hinter die professionelle Fassade unserer Chefs und KollegInnen erhielten. Sondern auch, weil wir uns als Mitglieder eines Teams einmal mehr die virtuelle Hand ausgestreckt haben.

Was davon bleibt, wenn wir wieder nebeneinander im Großraumbüro sitzen, weiß niemand. Doch im Kampf um Talente haben dieses Jahr einige Arbeitgeber Nähe und damit bestenfalls Bindung erzeugt. Und das ist genauso wichtig bei Start-ups wie im Mittelstand und Konzernen. Umso mehr dort, wo weniger wirtschaftliche Sicherheitsnetze, stabile Familienverbände oder Heimatnähe die Isolation auffangen können.

Ich bin in diesem Jahr dankbar für vieles geworden.

Aber vor allem für die einfallsreichen, warmherzigen PersonalerInnen und GründerInnen, mit denen ich arbeite, die dieses Jahr trotz wirtschaftlicher Krisen, unsicherer Zukunft und mit wenig Berufs- oder Führungserfahrung Menschlichkeit bewiesen haben.

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