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THE FUTURE OF WORK

Schöne neue Arbeit

Photo: Blackboat Internet GmbH

Nicht weniger als einen kulturellen Wandel der Arbeitswelt strebt die Philosophie des „New Work“ an. Als einer ihrer Pioniere versteht sich Christoph Magnussen. Seit 2012 hilft er Firmen mit seiner Unternehmensberatung Blackboat, Arbeitswelten mit digitalen Tools freier und effektiver zu gestalten – und so gleichzeitig die Produktivität von Mitarbeitern zu erhöhen. Ein Gespräch mit ihm über neue Freiheiten mit mehr Verantwortung, Teamkultur trotz Homeoffice und Mitarbeiterführung beim Spaziergang.

Die Arbeitswelt ändert sich gerade grundlegend und strukturell – durch Megatrends wie Digitalisierung, Konnektivität und Globalisierung. Eine Antwort auf diese Transformation ist die Philosophie des „New Work“.Was bedeutet „New Work“ für Dich?

New Work ist eine Arbeit, die die Menschen stärkt statt sie zu schwächen. Es ist jede Form von Arbeit, die Dir Kraft gibt statt Dir Energie zu rauben. Dazu gehört natürlich auch Disziplin, sie macht nicht nur Spaß. Aber Du hast Dich selbst dafür entschieden.

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So wie Du es schilderst, klingt es nach Berufung.

Bei Berufung habe ich eher das Bild des Künstlers vor Augen, der plötzlich aufwacht und auf die Inspiration wartet, bis ihn die Muse küsst. Dafür habe ich keine Geduld und andere auch nicht. Im Mittelpunkt stehen bei „New Work“ Fragen wie: Was kann ich gut und was macht mir Spaß? Wie arbeite ich gern und wie arbeite ich gern mit anderen?

Ich glaube, dass wir häufig vergessen, uns diese Frage regelmäßig zu stellen. Als Erwachsene haben wir das verlernt. Dann lockt nur eine wohlklingende Jobanzeige, ein hohes Gehalt oder eine hohe Position, die Status bringt und das Konto füllt.

Dennoch müssen wir alle Geld verdienen. Wie kommt man heraus aus diesem Dilemma?

Viele fühlen sich deshalb überfordert. Im Mittelpunkt steht für mich, die Verantwortung zu übernehmen – und zwar für sich selbst. Wer ist verantwortlich, wenn privat oder beruflich etwas nicht läuft? Wie gehe ich mit der Situation in der Firma um? Diese Fragen muss ich mir unabhängig von Berufsjahren oder Tätigkeit stellen.

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Wir befinden uns aktuell noch immer mitten in der Corona-Krise, in der genau diese Tools, zum Beispiel im Homeoffice, wichtiger werden. Wie nimmst Du Unternehmen und ihren Umgang mit digitalen Instrumenten wahr?

Es gibt generell die Firmen, die schon vorher investiert haben und die anderen, die nun schnell und hektisch reagieren. Letzteres ist sehr gefährlich. Denn Du musst mehrere Punkte beachten, wenn Du Dich für die digitale Transformation im Office entscheidest. Selbst wenn Du Tools nur für eine Firma mit zehn Leuten auswählst, ist eine Entscheidung schwer rückgängig zu machen. Und die Rede ist nicht von Anbietern, die Dir das erschweren, sondern von den neuen Arbeitsprozessen, die Du damit einführst.

Viele haben Angst vor falschen Investitionen oder Datenverlust. Wie sollen Unternehmen hier am besten vorgehen? 

Das ist keine Entscheidung, die Du in fünf Minuten triffst. Reden wir über Unternehmen mit zehntausenden Mitarbeitern, sind die Summen enorm hoch. Man sollte sich vorher genau fragen und analysieren: Wie arbeiten wir aktuell und wie wollen wir arbeiten? Wo klappt es bereits gut und wo nicht. Welches Tool ist dann sinnvoll? Wie hat es wiederum Auswirkungen auf die Kultur? Kurz: Guckt genau hin.

Photo: Blackboat Internet GmbH

Es kommt noch eine weitere Herausforderung hinzu: Wie hält man die Teamkultur bei Homeoffice aufrecht? Wir dürfen bei aller Effektivität nämlich nicht den zwischenmenschlichen Kontakt vergessen. Bei Terminen finden diese Gespräche davor oder danach statt. Ein Videocall ist also hervorragend für ein effizientes Meeting, aber nicht für den persönlichen Austausch. Daher achte ich bewusst darauf, viel mit jedem einzelnen Mitarbeiter zu telefonieren oder wir gehen spazieren. So entsteht eine intimere Atmosphäre. Das Büro ist als Ort also auch nur eines von vielen Tools der Kollaboration.

Was schätzt Du selbst an den digitalen Instrumenten und welche nutzt Du?

Ich nutze kaum Social Media und bin auch nicht traurig, wenn WhatsApp mal abstürzt. Ich bin kein Freund von superlangen E-Mails mit acht Dokumenten, die für Feedback an alle Leute geschickt werden. Dafür kann man leichter mit Online-Kollaboration an geteilten Textdokumenten in der Cloud arbeiten. Entscheidend ist, wie man welches Tool für welchen Zweck geschickt anwendet.

Man muss aufpassen, dass diese Technologien und der Umgang damit nicht übergriffig werden. Dann ist viel Schwachsinn drin und plötzlich steuert das Tool den Menschen und nicht anders herum. Niemand sollte dabei die Freiheit des anderen beschneiden. Der eine liest das Dokument am Smartphone, der andere am PC und der dritte druckt es sich aus.

Alle diese Tools sind am Ende das Fundament, um ein transparentes Arbeiten möglich zu machen. Mit ihnen können wir Arbeit anders organisieren, um nicht zu viel Zeit mit dem Schwachsinn des Arbeitsalltags zu verbringen, von dem es so viel gibt. Die Aufgabe des Chefs ist es, dafür die Steine aus dem Weg zu räumen.

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Wagst Du noch einen letzten Blick in die Zukunft der Arbeitswelt – wie gestaltet sie sich in den kommenden Jahren?

Die Zeiten am Bildschirm werden sich verändern. Wir verfügen jetzt schon über sehr viele Devices, wie PC, Laptop, iPad oder Uhr. Wir werden künftig noch weniger von diesem einen Gerät abhängig sein. Unsere Arbeit wird sich stattdessen auf mehrere Bildschirme verteilen und irgendwann gibt es ihn noch in der Brille.

Dennoch werden viele Entwicklungen nicht so schnell ablaufen, wie viele sich das wünschen. Bei der künstlichen Intelligenz sind wir zurzeit an dem Punkt, an dem sich das Internet Mitte der 90er Jahre befand. Es gibt gute Gründe, warum Länder wie China hier massiv investieren. KI wird also eine zentrale Rolle spielen.

Für die Menschen würde ich mir wünschen, dass sie sich die Arbeit noch reflektierter aussuchen und ausüben. Aber wir werden weiter arbeiten. Wir finden das viel zu toll. 

Sie möchten mehr über Christoph Magnussen erfahren?

Weitere Informationen finden Sie unter www.christophmagnussen.com

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THE FUTURE OF WORK

War for Talents – Was von 2020 bleibt und wo es uns hinführt

Anna Ott

VP People bei HV Capital

Lucia hatte schon lange davon geträumt, ihre norditalienische Heimat zu verlassen, um Teil der vibrierenden Start-up-Szene Berlins zu werden. Sergej’s Familie in Kiev war stolz, dass ihr Sohn als Softwareentwickler richtig gutes Geld verdiente. Joanna war überglücklich ihren Berufseinstieg in einer jungen, aufstrebenden Tech Company zu finden.

Doch dieses Jahr waren alle irgendwie ernüchtert. Heimweh, Sorge um die Familie in der Ferne, genervt von der viel zu kleinen WG voller Fremder, alleine in der großen Stadt und nicht wissend, ob man Weihnachten nach Hause kommt. Den Traum der Start-up-Karriere haben sich viele junge Menschen in diesem Jahr anders vorgestellt. Unter den KollegInnen neue Freunde finden, eine neue Stadt oder Land für sich entdecken und dabei die Karriere vorantreiben, war alles so viel schwieriger in diesem Jahr.

Nicht selten haben wir in 2020 die jungen Leute für’s Partymachen trotz Corona und Leichtsinnigkeit kritisiert. Darum beneidet, dass sie nicht Homeschooling und Job kombinieren müssen. Und dabei übersehen, dass die Pandemie Parität geschaffen hat und jede und jeder unter Isolation leidet. Ich persönlich hätte die Quarantäne in keiner meiner WGs gerne erlebt. Bin bedrückt, wenn ich höre, dass MitarbeiterInnen aus Platzgründen in Badezimmern an Videocalls teilnehmen. Kann nur ahnen, wie schwierig es ist, als junge Führungskraft die ersten Schritte als Manager in Krisenzeiten virtuell zu erproben. Vom Heimweh nach FreundInnen und Familie im kalten deutschen Winter mal abgesehen.

Dieses Jahr steckt uns allen in den Knochen. Und gerade deswegen haben einige Personalverantwortliche und Führungskräfte in diesem Jahr mehr als zuvor, ihre Verantwortung als Arbeitgeber neu wahrgenommen. Aus dem Stehgreif entstanden virtuelle Yoga-Sessions und Spieleabende, wurden Überraschungspakete mit Wintermützen und Vitaminen gepackt, und Verabredungen zum Spazierengehen getroffen. Wurde über Angebote für “Mental Health” diskutiert und MitarbeiterInnen großzügige Angebote für ortsunabhängiges Arbeiten gemacht.

Wir sind uns alle näher gekommen in diesem Jahr. Nicht nur, weil wir dank Videokonferenzen Einblick in Privaträume und Blicke hinter die professionelle Fassade unserer Chefs und KollegInnen erhielten. Sondern auch, weil wir uns als Mitglieder eines Teams einmal mehr die virtuelle Hand ausgestreckt haben.

Was davon bleibt, wenn wir wieder nebeneinander im Großraumbüro sitzen, weiß niemand. Doch im Kampf um Talente haben dieses Jahr einige Arbeitgeber Nähe und damit bestenfalls Bindung erzeugt. Und das ist genauso wichtig bei Start-ups wie im Mittelstand und Konzernen. Umso mehr dort, wo weniger wirtschaftliche Sicherheitsnetze, stabile Familienverbände oder Heimatnähe die Isolation auffangen können.

Ich bin in diesem Jahr dankbar für vieles geworden.

Aber vor allem für die einfallsreichen, warmherzigen PersonalerInnen und GründerInnen, mit denen ich arbeite, die dieses Jahr trotz wirtschaftlicher Krisen, unsicherer Zukunft und mit wenig Berufs- oder Führungserfahrung Menschlichkeit bewiesen haben.

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