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THE FUTURE OF WORK

War for Talents – Was von 2020 bleibt und wo es uns hinführt

Foto: HV Capital

Anna Ott

VP People bei HV Capital

Lucia hatte schon lange davon geträumt, ihre norditalienische Heimat zu verlassen, um Teil der vibrierenden Start-up-Szene Berlins zu werden. Sergej’s Familie in Kiev war stolz, dass ihr Sohn als Softwareentwickler richtig gutes Geld verdiente. Joanna war überglücklich ihren Berufseinstieg in einer jungen, aufstrebenden Tech Company zu finden.

Doch dieses Jahr waren alle irgendwie ernüchtert. Heimweh, Sorge um die Familie in der Ferne, genervt von der viel zu kleinen WG voller Fremder, alleine in der großen Stadt und nicht wissend, ob man Weihnachten nach Hause kommt. Den Traum der Start-up-Karriere haben sich viele junge Menschen in diesem Jahr anders vorgestellt. Unter den KollegInnen neue Freunde finden, eine neue Stadt oder Land für sich entdecken und dabei die Karriere vorantreiben, war alles so viel schwieriger in diesem Jahr.

Nicht selten haben wir in 2020 die jungen Leute für’s Partymachen trotz Corona und Leichtsinnigkeit kritisiert. Darum beneidet, dass sie nicht Homeschooling und Job kombinieren müssen. Und dabei übersehen, dass die Pandemie Parität geschaffen hat und jede und jeder unter Isolation leidet. Ich persönlich hätte die Quarantäne in keiner meiner WGs gerne erlebt. Bin bedrückt, wenn ich höre, dass MitarbeiterInnen aus Platzgründen in Badezimmern an Videocalls teilnehmen. Kann nur ahnen, wie schwierig es ist, als junge Führungskraft die ersten Schritte als Manager in Krisenzeiten virtuell zu erproben. Vom Heimweh nach FreundInnen und Familie im kalten deutschen Winter mal abgesehen.

Dieses Jahr steckt uns allen in den Knochen. Und gerade deswegen haben einige Personalverantwortliche und Führungskräfte in diesem Jahr mehr als zuvor, ihre Verantwortung als Arbeitgeber neu wahrgenommen. Aus dem Stehgreif entstanden virtuelle Yoga-Sessions und Spieleabende, wurden Überraschungspakete mit Wintermützen und Vitaminen gepackt, und Verabredungen zum Spazierengehen getroffen. Wurde über Angebote für “Mental Health” diskutiert und MitarbeiterInnen großzügige Angebote für ortsunabhängiges Arbeiten gemacht.

Wir sind uns alle näher gekommen in diesem Jahr. Nicht nur, weil wir dank Videokonferenzen Einblick in Privaträume und Blicke hinter die professionelle Fassade unserer Chefs und KollegInnen erhielten. Sondern auch, weil wir uns als Mitglieder eines Teams einmal mehr die virtuelle Hand ausgestreckt haben.

Was davon bleibt, wenn wir wieder nebeneinander im Großraumbüro sitzen, weiß niemand. Doch im Kampf um Talente haben dieses Jahr einige Arbeitgeber Nähe und damit bestenfalls Bindung erzeugt. Und das ist genauso wichtig bei Start-ups wie im Mittelstand und Konzernen. Umso mehr dort, wo weniger wirtschaftliche Sicherheitsnetze, stabile Familienverbände oder Heimatnähe die Isolation auffangen können.

Ich bin in diesem Jahr dankbar für vieles geworden.

Aber vor allem für die einfallsreichen, warmherzigen PersonalerInnen und GründerInnen, mit denen ich arbeite, die dieses Jahr trotz wirtschaftlicher Krisen, unsicherer Zukunft und mit wenig Berufs- oder Führungserfahrung Menschlichkeit bewiesen haben.

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Talente der Zukunft wollen unabhängig sein

Laura Lewandowski

Die Journalistin und Unternehmerin Laura Lewandowski spricht im Interview über künstliche Intelligenz, Storytelling und die Creator Economy.

Wie stellst du dir die Zukunft der Arbeit vor?

Künstliche Intelligenz wird einen immer größeren Stellenwert einnehmen – und genau das ist gut so. Wir haben die einmalige Chance, uns mehr denn je mit unserer Menschlichkeit, unserer Leidenschaft und unserer Persönlichkeit auseinanderzusetzen, ganz einfach, weil wir nicht mehr am Fließband stehen und stupide Arbeiten erledigen. Ich selbst merke, wie viele Tools mir als Journalistin den Alltag vereinfachen. Ich kann so Dinge automatisieren, für die ich sonst Leute einstellen müsste. KI ist für mich demnach kein Jobkiller, sondern ein Jobshifter. Neben den Chancen birgt sie aber auch Herausforderungen: Die vielen Optionen, unserer Kreativität freien Lauf zu lassen, können unser Gehirn teilweise sogar überstrapazieren. Unsere Aufgabe wird es sein, Fokus zu erlangen, Prioritäten zu setzen und unsere Kreativität zu erhalten. Dafür müssen wir vor allem auch unsere psychische Gesundheit ernst nehmen.

Du berätst Unternehmen im Bereich Storytelling. Wofür braucht es in der Arbeits- und Wirtschaftswelt Geschichten?

Ich hoffe, Unternehmen haben inzwischen verstanden, dass sie nicht nur Leistungen anbieten oder Produkte verkaufen können. Sie sollten sich viel mehr auch in einer Aufklärungsrolle sehen. Dazu kann jeder heute Social Media nutzen, um ohne hohen Aufwand über Missstände aufmerksam zu machen. Das kann zum Beispiel mit Statistiken, viel besser aber noch mit Geschichten erreicht werden. Mit Storytelling können wir Menschen auf emotionaler Ebene erreichen, sie auf eine Reise mitnehmen und sie so zusammenbringen. Das ist natürlich nichts Neues: Alle Weltreligionen sind im Grunde Geschichten. Heute fördert zudem die digitale Vernetzung die Bildung von Tribes, denen sich Menschen auch über Ländergrenzen hinweg anschließen. Jede Geschichte basiert auf bestimmten Werten, Normen und Identifikationsmustern, die auch im Unternehmenskontext wichtig sind, um eine einheitliche Kultur zu schaffen. Storytelling bringt dir aber nur dann etwas, wenn du dich auch damit auseinandergesetzt hast, was du eigentlich erzählen willst.

Werte und Anforderungen an den Job verschieben sich stark – insbesondere bei jüngeren Menschen. Was glaubst du, ist die zentrale Motivation der Generationen Y und Z in der Arbeitswelt?

Die jüngeren Generationen haben Möglichkeiten, die es früher einfach nicht gab. Viele von uns haben eine gewisse finanzielle Sicherheit, durch die es nicht notwendig ist, direkt nach der Schule nur ans Geldverdienen zu denken. Wir haben viel mehr Zeit zu reflektieren, Zeit, länger zu studieren, uns international zu vernetzen und zu informieren. Soziale Netze helfen uns zu sehen, wie junge Menschen allein durch ihre Kreativität und Innovationskraft berühmt werden und wie einfach das sein kann. Unabhängigkeit ist eine große Motivation für junge Menschen, die allerdings unterschiedliche Ausprägungen hat. Aus meiner Sicht teilt sich die Generation Z in zwei Lager: Die einen wollen große Fragen wie den Klimawandel verstehen und auch direkt angehen und dann gibt es die, die sich mit 20 schon einen Porsche leisten und früher Kinder bekommen wollen. Auch diese Art von Unabhängigkeit kostet – Reichtum und Wohlstand sind hier aber in erster Linie die Motivation.

Während in Deutschland noch viel über Influencer Marketing gesprochen wird, bildet sich in den USA bereits der Nachfolger: die Creator Economy. Was ist das und wie wird es sich auf die Wirtschaft auswirken?

Unsere Gesellschaft steht an der Schwelle zu einer neuen Ära: Wir transformieren vom Industrie- ins Informationszeitalter und das beeinflusst unser Leben in vielen wesentlichen Bereichen: Für viele Menschen bedeutet dies in erster Linie, selbstständiger und unabhängiger zu werden, vor allem im Job. Was bereits seit Jahren stetig zunahm, wurde durch die Pandemie regelrecht befeuert: Jeder, der Internetzugang hat, hat theoretisch die Möglichkeit, sein eigener Chef zu werden und damit Vermögen aufzubauen, das a) maximale Flexibilität gewährleistet und b) bei Weitem höher sein kann als in jedem Angestelltenverhältnis – entweder, indem er Produkte verkauft, sein Wissen, oder beides. Hier sprechen wir von der Entwicklung in die sogenannte Creator Economy, der Menschen angehören, die ihr Gedankengut monetarisieren oder dieses nutzen, um auf sich und ihre Projekte aufmerksam zu machen. Es entsteht also ein eigenes wirtschaftliches Ökosystem, das es sicherlich schwieriger für Unternehmen macht, junge Mitarbeiter zu gewinnen. Die gefragten Talente fragen sich nämlich: Warum soll ich mich anstellen lassen, wenn ich aus eigener Kraft etwas Eigenes auf die Beine stellen kann?

Sie möchten mehr erfahren?

Weitere Informationen finden Sie unter: www.laura-lewandowski.com

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