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DAS VERHÄNGNISVOLLE ERBE DER STEREOTYPEN ROLLENBILDER – Warum wir Female Empowerment mit Blick auf die MINT-Berufe dringend brauchen

Foto: Alexmalexra via Shutterstock.com

Anne-Kathrin Heier

Entwickelte bei EDITION F den Podcast Bereich weiter, brachte unter anderem LAB GAP auf den Weg – den Podcast über und mit Frauen in der Wissenschaft. Seit 2022 ist sie Editorial Lead.

Frauen müssen in die Wissenschaft! Female Empowerment durch weibliche Vorbilder ist deshalb gerade für Schülerinnen dringend notwendig, um verstaubte Rollenbilder endlich aus den Köpfen zu verbannen.

Meine Schulzeit war ein ziemlicher Kampf. Im Nachhinein finde ich dafür jede Menge Gründe, die ich damals nicht formulieren konnte. Jedenfalls nicht sofort: Arbeiterkind, mittellose Familie, ständig unterwegs, also immun gegen Traditionen mit meinen bis heute rastlosen Eltern – und ja: weiblich. Ausgerechnet ein Ort im tiefsten Bayern war das erste längere Zuhause. Und damals stieß ich als Neunjährige auf viele Irritationen, die weder von mir noch von meinen Eltern ausgeräumt wurden, weil sie für das einstige Verständnis nun mal „dazugehörten“ zum Leben einer Frau.

Der Druck war hoch. Ich lernte unentwegt Mathe. Aber die ständigen Kommentare, die die Mathematiklehrerin öffentlich in einer Wolke aus Zigarettenrauch und Kaffeegeruch in meine Richtung hauchte, bremsten mich aus. „Lass es einfach“. – „Es ist sinnlos mit dir.“ – „Wie kann man nur so schief denken?“ Und zu meinen Eltern sagte sie, ich gehöre nicht an diesen Platz, „oben“ auf dem Gymnasium. Das sind Sätze, die mir bis heute im Kopf hallen. Und schließlich wurde sie mich tatsächlich vorübergehend los. 

„Ich wollte beweisen, dass Mädchen sehr wohl Mathe können. Und dass das einzige Mädchen im LK Chemie absolut richtig am Platz ist.“

Auf der Realschule hatte ich einen Mathelehrer, der mich bald beiseite nahm. „Wer hat dir beigebracht, dass du Mathe nicht kannst?“ Er wollte gar keine Antwort, sprach weiter: „Du musst deine Haltung zu den Dingen ändern. Du kannst Mathe. Sag dir das immer wieder: Ich kann Mathe. Geh mit einer Souveränität an die Aufgabe, auch wenn du sie nicht fühlst: Tu erstmal so. Sei konzentriert und stecke die Energie in die Lösung, nicht in das Problem.“ – Ein paar Jahre später war ich wieder auf dem Gymnasium. Leistungskurse Chemie und Deutsch. Ich war dorthin zurückgekehrt, weil ich es „ihnen zeigen wollte.“ Weil ich ihnen mit „einer anderen Haltung“ begegnen wollte. Ich wollte beweisen, dass Mädchen sehr wohl Mathe können. Und dass das einzige Mädchen im LK Chemie absolut richtig am Platz ist.

Heute arbeite ich bei EDITION F. Im vergangenen Jahr hatte ich hier die redaktionelle Leitung des Podcasts LAB GAP, moderiert von Victoria Müller. Neun hochrangige Wissenschaftlerinnen sprechen in diesem Podcast über ihre Wege, die größtenteils ziemlich steinig waren. Sie erklären allesamt in ihren Worten, wie überhaupt nicht selbstverständlich ihr Wunsch war, in Wissenschaft und Forschung als Frau Karriere zu machen.

„Es gibt kein einziges Land, bei dem die Gender-Balance im All so unausgewogen ist wie in Deutschland.“

Suzanna Randall

Eine von ihnen ist Dr. Suzanna Randall, Astronautin-Anwärterin, die zusammen mit ihrer Kollegin Dr. Insa Thiele-Eich aus 400 Bewerberinnen für ein Programm ausgewählt wurde, das „Die Astronautin“ heißt – mit dem Ziel, in diesem Jahr zur Internationalen Raumstation zu fliegen. Tatsächlich hat Deutschland bereits elf Menschen ins All geschickt: allesamt Männer. Keine einzige Frau. „Unbegreiflich“, findet Dr. Suzanna Randall. „Es gibt kein einziges Land, bei dem die Gender-Balance im All so unausgewogen ist wie in Deutschland.“ Dr. Suzanna Randall führt das auf diesen allgemeinen absurden Irrglauben zurück, der sich festgesetzt hat wie uralter Schimmel überall in der Gesellschaft: „Man sagt zwar nicht mehr, dass Frauen körperlich nicht dazu geeignet seien, ins All zu fliegen. Aber es gibt dieses soziale Vorurteil: Frauen sollten lieber nichts Gefährliches machen und lieber zu Hause bleiben.“

„Nicht die Menschen müssen so verändert werden, dass sie in die Struktur passen. Die Strukturen müssen verändert werden.“

Dr. Ellen Damm

Zu Hause bleiben. Darüber kann eine andere Wissenschaftlerin, die wir zu Gast hatten im Podcast, nur leise lachen. Dr. Ellen Damm war als Biogeochemikerin Leiterin des Teams „Biogeochemie“ der Mission „MOSAiC“ (Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate) auf dem Forschungseisbrecher Polarstern. Die Vorbereitung dauerte ganze zehn Jahre. Die MOSAiC-Expedition war eine vom Alfred-Wegener-Institut angeleitete internationale Arktisexpedition. Ziel der Expedition ist ein besseres Verständnis für die Zusammenhänge zwischen globalen Klimaprozessen und der zentralen Arktis. Dr. Ellen Damm hat drei Kinder und sie habe bei allen Schwierigkeiten, so erzählt sie im Podcast, von der Zweigleisigkeit profitiert. Aber dann sagt sie einen einen Satz, den ich sehr wichtig finde: „Nicht die Menschen müssen so verändert werden, dass sie in die Struktur passen. Die Strukturen müssen verändert werden.“ Sie spricht von einem Reformstau in Deutschland. Dazu gehöre auch, dass es Mädchen und jungen Frau sehr schwer gemacht werde, in MINT-Berufe zu gehen. Nach wie vor.

„Wir coden die Gesellschaft der Zukunft. Das müssen so viele so diverse Menschen wie möglich machen.“

Kenza Ait Si Abbou

Dass die Frauen, die bereits in diesen Berufen arbeiten, weitestgehend unsichtbar sind, dagegen engagiert sich Kenza Ait Si Abbou, Senior Manager Robotics and Artificial Intelligence bei der Deutschen Telekom IT in den Bereich Robotic und AI-Solutions. „Eine Maschine“, sagt Kenza Ait Si Abbou bei LAB GAP, „ist nicht automatisch neutral. Sie wird so diskriminieren, wie die Gesellschaft es tut. Sie lernt von den Daten, die wir ihr geben, die ein Abbild unserer Gesellschaft sind.“ Gerade im Bereich KI sei es deshalb wichtig, dass so viele so diverse Menschen wie möglich an der Codierung der Gesellschaft der Zukunft beteiligt sind. Kenza erhielt für ihre Arbeit den Digital Female Leader Award. Aber sie widerspricht laut, wenn sie in Interviews hört, sie sei die einzige Frau in ihrem Bereich. Das sei falsch. Die allerersten Programmiererinnen seien Frauen gewesen. Und auch heute arbeiten viele Frauen in ihrem Bereich – nur eben unsichtbar im Vergleich zu ihren männlichen Kollegen.

„Ich habe viel Energie an unnötigen Stellen verloren und mich oft gefragt: Warum muss ich hier eigentlich permanent meine Frau stehen?“

Jessica Burgner-Kahrs

Dass Frauen unsichtbar sind in den MINT-Berufen, ist auch kein Wunder, wenn man sich die Podcastfolge mit Jessica Burgner Kahrs anhört. Sie studierte Informatik und entwickelte das erste Robotersystem für das automatisierte, lasergestützte Schneiden von Knochen. Schließlich forschte sie an der Vanderbilt University in Nashville – und wurde mit einem Förderprogramm zur Rückgewinnung deutscher Wissenschaftler*innen nach Deutschland zurückgeholt. An der Leibniz Universität Hannover betrieb sie Grundlagenforschung im Bereich der Kontinuumsrobotik, aber obwohl sie ganz vorne mit dabei war, bekam sie immer nur befristete Verträge. „Es war ehrlich gesagt anstrengend als Frau in einer MINT-Fakultät. Ich habe viel Energie an unnötigen Stellen verloren und mich oft gefragt: Warum muss ich hier eigentlich permanent meine Frau stehen?“ Jessica Burgner-Kahrs bekam ein Angebot von der Universität Toronto, die zu den besten 20 Universitäten der Welt zählt. Sie verließ Deutschland für ein diverseres Team und eine Universität, an der bereits die Hälfte aller Dekaninnen weiblich sind. „Exzellenz“, sagt sie, „gibt es nur, wenn Diversität besteht.“

Female Empowerment

Dass ich nach meiner Elternzeit bei EDITION F anfing zu arbeiten, hatte einen guten Grund. Ich selber habe eine vierjährige Tochter. Und ich wollte mit anderen Frauen vorangehen. Dazu gehört, dass ich gemeinsam mit meinen Kolleginnen tolle Wissenschaftlerinnen sichtbar machen und damit Vorbilder schaffen möchte – für meine Tochter und überhaupt für alle nachfolgenden Generationen. Vorbilder, die sich hinstellen und laut sagen: „Für dich gibt es nicht nur Rosa. Dir stehen alle Farben zur Verfügung. Du hast alle Möglichkeiten. Lass dir nichts anderes einreden. Schau in alle Richtungen. Und dann treffe deine ganz eigene persönliche Entscheidung.“

EDITION F ist das digitale Zuhause für Frauen und ihre Freund*innen und begleitet seit der Gründung im Jahr 2014 aktiv den Weg zur gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Gleichberechtigung.

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„Man muss die jungen Frauen ermutigen“

Gisela Erler 

Gisela Erler setzt sich seit vielen Jahren für die Förderung von Frauen ein.

Familie und Beruf lassen sich miteinander vereinbaren – wenn es die entsprechenden Strukturen dafür gibt. Allerdings ist dies längst noch nicht überall der Fall. Die frauengeführte Gesellschaft pme Familienservice bietet seit 30 Jahren individuelle Konzepte an, die sowohl Unternehmen als auch ihre Beschäftigten entlasten und unterstützen. Wir haben mit Gründerin Gisela Erler gesprochen, wie dies gelingt und warum Womanomics – die gezielte Förderung von Frauen in Unternehmen – ein hochaktuelles Thema ist.

Frau Erler, was war der Anlass für Sie, den pme Familienservice zu gründen?

Auf einer Tagung wurde ich von BMW gefragt, ob ich eine Idee hätte, wie sie als Unternehmen Mitarbeiterinnen halten könnten. Zu der Zeit gab es in technischen Bereichen wenige Frauen. BMW hatte angefangen, Frauen und junge Mädchen als Azubis einzustellen; die verschwanden aber immer nach einer Weile, wenn sie eine Familie gründeten, weil es damals in Westdeutschland keine Krippen und kaum Betreuungsmöglichkeiten gab.

Als ich in den 1980er-Jahren mit meinen Kindern für einen Forschungsauftrag in den USA war, hatte ich erlebt, dass es Konzepte für Kinderbetreuung gibt, die funktionieren. Ich habe dann ein Konzept für eine Vermittlungsplattform von Betreuungsangeboten ausgearbeitet. Und das schlug ein. Es kamen mehr und mehr Unternehmen auf uns zu.

Warum ist die Vereinbarkeit von Beruf und Familie so wichtig – für Mütter und Väter, aber auch gesamtgesellschaftlich?

Bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie sprechen wir immer noch viel von Müttern bzw. von Frauen. Auch wenn Väter mehr und mehr involviert sind. Wenn Mitarbeitende ausfallen, ist das für Unternehmen teuer, es schafft aber auch Probleme bei den Beschäftigten, psychischer und finanzieller Natur.

Das Thema Vereinbarkeit spielt nicht nur für Eltern eine Rolle. Die eigenen Eltern sind vielleicht irgendwann pflegebedürftig. Dann sind auch hier Lösungen gefragt. Gerade Führungskräfte sind oft Mitte 30 oder älter, wenn sie ihr erstes Kind bekommen. Die Pflege der Eltern liegt dann zeitlich sehr nah an der Baby-Zeit.

Noch immer gibt es den Gender-Pay-Gap. Noch immer werden Frauen mit 30, 35 Jahren vielfach als „Risiko-Ressource“ eingestuft, weil sie schwanger werden könnten. Noch immer sind Alleinerziehende oft von Armut bedroht und noch immer stehen Frauen häufig in der zweiten Reihe, hinter ihren männlichen Kollegen. Wird sich das in naher Zukunft ändern?

Ein Hebel allein reicht nicht. Aber wir sehen, dass Firmen z. T. sehr entschlossen sind, die Blockade in puncto Einstellung und Entwicklung von Frauen zu durchbrechen. Manche Firmen setzen sich inzwischen für ein 50-Prozent-Ziel ein, in einem überschaubaren Zeitraum. Es ist noch immer nicht leicht, in allen Bereichen Frauen zu finden. Aber wer aktiv sucht, findet. Es ist eine Frage der Entschlossenheit. Als Stütze dafür sind feste Zahlenvorgaben oder Quoten wohl doch nötig.

Wie lässt sich die Situation von Frauen ändern?

Man muss die jungen Frauen ermutigen. Dazu braucht es nicht nur Vorbilder. Es braucht auch Führungskräfte, die ihnen etwas zutrauen. Auch das Sichtbar-Machen ist wichtig. Führungskräfte müssen lernen, damit umzugehen, dass Frauen sich weniger zeigen als Männer. Das Selbstvertrauen ist bei Männern oft größer. Ähnlich kompetente oder sogar kompetentere jüngere Frauen fallen durch das Raster, wenn man nicht ganz genau hinsieht und ihre Begabungen und Fähigkeiten erfasst.

Auf unserem Digitalevent „Womanomics: She.Changes.Future“ haben wir am 8. März verschiedene Redner:innen zu diesem Thema, unter anderem Dr. Auma Obama, die Schwester von Barack Obama.

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Warum ist es so wichtig, gezielt Frauen in Unternehmen zu fördern?

Sehen Sie zum Beispiel die Klimabewegung – die stärksten Köpfe zurzeit, das sind alles junge Frauen. Da ist so viel Energie! Es geht darum, in den Unternehmen die Lust zu wecken, mit jungen Frauen zu arbeiten und die Strukturen zu schaffen, sie zu gewinnen, zu entwickeln und diese Energie zu nutzen.

Welche Eigenschaften muss man aus Ihrer Sicht als weibliche Führungskraft haben, um erfolgreich zu sein? Was würden Sie weiblichen Führungskräften mit auf den Weg geben?

Mut zu haben und resilient zu sein. Nicht so viel Angst zu haben, mal zu scheitern. Manchmal geht es ein Stück seitwärts oder rückwärts. Sich immer wieder aufzurappeln, das ist wichtig.

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